Förderverein Jugend- & Schullandheim Pelzerhaken

Vor der Entscheidung

Göttingen, 12.12.06

Am Mittwoch, den 13.12. tagt zum zweiten Mal in der neuen Wahlperiode der Kreistag, und auf der Tagesordnung steht unter anderem das Thema "Verkauf oder Verpachtung des Schullandheims". Vieles deutet darauf hin, dass unsere Bemühungen der vergangenen Wochen und Monate nicht entsprechend honoriert werden, sondern der Verkauf an den schwedischen Baukonzern NCC beschlossen wird, der das Haus abreißen und stattdessen Luxusferienhäuser errichten will. Die Sitzung ist öffentlich und beginnt um 15:00 Uhr, und wir werden versuchen, durch möglichst zahlreiche Präsenz unserem Anliegen Ausdruck zu verleihen. Es wäre schön, wenn möglichst viele Freunde des Schullandheims uns dabei unterstützen würden!


In den vergangenenTagen haben sich die Ereignisse fast schon überschlagen, daher fehlte an dieser Stelle bisher die eine oder andere Information. Zunächst wurde am 07.12. die "ACTIO PH gGmbH" gegründet, eine gemeinnützige Gesellschaft, deren Ziel die Übernahme und der kostendeckende Betrieb des Schullandheims am Ostseestrand ist. Die daraufhin verfasste Pressemitteilung wurde vom Göttinger Tageblatt (GT) quasi ignoriert, konnte man doch heute im Kommentar der Chefredateurin Ilse Stein lesen, der Förderverein könnte keinen Namen eines potetiellen Pächters nennen. Die am Samstag und heute erschienen Artikel im GT reihen sich in die Kette der mit einem negativen Unterton verfassten Berichte der vergangenen Monate ein, aber wenigstens wurde am heutigen Tag auch der Leserbrief unseres Vorstandsmitgliedes Klaus Tzschentke veröffentlicht, den wir an dieser Stelle veröffentlichen wollen:

Von der politischen Leitkultur

Was ist eigentlich von einem Landrat zu halten, dem am 6. November 2006 von dem Förderverein zur Erhaltung des Jugend- und Schullandheimes Pelzerhaken eine umfangreiche Analyse der wirtschaftlichen und baulichen Situation sowie Vorschläge zur besseren Nutzung und Vermarktung übersandt werden, der darauf zwei Tage später gegenüber zwei Vorstandsmitgliedern des Vereins durch seinen Mitarbeiter erklären lässt, eine schriftliche Stellungnahme folgen zu lassen und bis zum 10. Dezember 2006 passiert nichts.
Es ist bekannt, dass der Landrat einen Tag nach Eingang der Analyse mit Vertretern einer schwedischen Investorengruppe über den Verkauf von Pelzerhaken verhandelt hat. Wie mag er sich wohl gefühlt haben, wenn ihm von einer 80-Jährigen bei der Überreichung der Verdienstmedaille des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland erklärt wird, dass sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann mehr als 50 Ferienfreizeiten für Kinder und 25 Senioren- und Familienfreizeiten nach Pelzerhaken organisiert und betreut hat, er gleichzeitig den Verkauf eben dieses Heimes auf die Tagesordnung des Landkreises setzt.
Er verhandelt mit Vertretern einer schwedischen Investorengruppe, jedoch gegenüber den Vertretern des Fördervereins schweigt er. Dieser Verein vertritt nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Vereine und Gruppen, so den ASC Göttingen von 1846, den Tischtenniskreisverband Göttingen, den TV Jahn von 1848 Duderstadt, den Bovender Sportverein von 1861, „Das Haus der vielen Etagen“, Rosdorf, den Tuspo „Weser“ Gimte e.V., den Dransfelder Sportclub e.V.: insgesamt mehr als 18000 Bürgerinnen und Bürger aus Stadt und Landkreis.
Was ist eigentlich von einem CDU-Kreistagsabgeordneten Andreas Wobst zu halten, der sich im Juli zur Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe des Fördervereins zur Erhaltung Pelzerhakens bereit erklärt, dort an Arbeitssitzungen teilnimmt, mit dem Sprecher der Gruppe im Landkreis verhandelt und dann vor der CDU-Kreistagsfraktion vor wenigen Tagen vehement für den Verkauf des Schullandheimes plädiert?
Was ist von den „Grünen“ zu halten, die, um ihre Kreisrätin Christel Wemheuer im Amt zu behalten, mit der CDU für ein Plattmachen eines Jugendheimes zugunsten von reetgedeckten Millionärshäusern stimmt? Die Wähler werden es ihnen hoffentlich danken.
Dem Landrat sowie den Kreistagsabgeordneten ist in einem Brief vom 6. Dezember 2006 nochmals mitgeteilt worden, dass mehrere Betreiber bereit stehen, das Jugend- und Schullandheim kostendeckend bei gleichzeitiger Freistellung des Landkreises von jeglicher finanzieller Verpflichtung zu betreiben. Es ist eine gemeinnützige GmbH von Bürgern der Stadt und des Landkreises mit einem Kapital von 40000 Euro gegründet. Das Kapital soll nach Auflösung der Gesellschaft gemeinnützigen Zwecken zugeführt werden.
Ich gehöre bisher im Übrigen keiner Partei an.
Klaus Tzschentke, Bovenden

Der nach unserem Dafürhalten äußerst unangemessene Kommentar von Frau Stein wurde von Matthias Harre mit folgender Email beantwortet:

Sehr geehrte Frau Stein!
 
Soeben habe ich Ihren Kommentar in der heutigen Ausgabe des Göttinger Tageblatts gelesen, und dieser hat mich wie kaum ein Kommentar jemals zuvor dermaßen verärgert und berührt, dass ich Ihnen jetzt diese Zeilen schreibe.
Wir leben in einem Land der freien Meinungsäußerung, und Kommentare bringen immer eine persönliche Meinungs zum Ausdruck. Nicht selten sollen sie sogar polarisieren und zum Nachdenken anregen, und unter diesem Betrachtungswinkel akzeptiere ich Ihre Ausführungen durchaus. Leider war aber die Berichterstattung über das Thema "Verkauf des Schullandheims" in den vergangenen Wochen und Monaten im Tageblatt alles andere als neutral, sondern erfolgte immer mit einem positiven Unterton für den Verkauf der Einrichtung. Der Förderverein, den Sie in Ihrem Kommentar ebenfalls kritisieren, ist von Anfang an mit dem Ziel angetreten, unter politisch neutralen Gesichtspunkten die Situation des Schullandheims zu beleuchten. In den Arbeitsgruppen haben Vertreter aus CDU, SPD und FDP sowie auch das Controlling der Landkreisverwaltung mitgewirkt, so dass zumindest die vorgelegten Zahlen diesem Anspruch gerecht werden, ohne Platz für Zweifel zu lassen. Sie schreiben, dass der Förderverein keine Namen von potentiellen Pächtern nennen kann - diese Aussage ist schlichtweg falsch, ich verweise an dieser Stelle nur auf die Presseerklärung der am Donnerstag der vergangenen Woche gegründeten "ACTIO PH gGmbH". Elf sozial engagierte Bürger des Landkreises bringen ohne großes Zögern eine Kapitaleinlage von knapp 30.000,-€ auf, um kurzfristig den Weiterbetrieb der "Perle an der Ostsee" zu noch zu verhandelnden Konditionen zu übernehmen, weil den Beteiligten durchaus bewusst geworden ist, dass der Betrieb einer solchen Einrichtung durch eine Kreisverwaltung nicht mehr zeitgemäß und angesichts der allgemein knappen Kassen auch nicht mehr zu leisten ist. Auch dies hat das Vorstandsmitglied Klaus Tzschentke in seinem heute abgedruckten Leserbrief sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.
Warum gehen Sie in Ihrem Kommentar nicht auch einmal darauf ein, mit welcher Ignoranz Herr Landrat Schermann uns gegenüber auftritt? In einem persönlichen Anschreiben haben wir ihm Mitte November unsere Zusammenfassung der Analysen zukommen lassen, so wie wenige Tage später auch allen Kreistagsabgeordneten. Bis zum heutigen Tage haben wir viele Reaktionen aus allen Parteien zu dem Thema bekommen - einzig unser Landrat schweigt. Bürgerlichem Engagement derartig gegenüber zu treten birgt meiner Meinung nach eine große Gefahr und sollte nicht noch durch Kommentare wie von Ihnen heute unterstützt werden. Mit den Parteien des Kreistages haben wir in den ganzen Monaten - auch und gerade in den vergangenen vier Tagen - immer einen sachlichen, manchmal auch emotionalen, aber immer respektablen Umgang gepflegt. Dies wurde uns auch von deren Seite bescheinigt, auch wenn man in der Sache verschiedener Meinung war. Es kann aber nicht sein, dass der höchste Repräsentant unseres Landkreises einen Umgang pflegt, so wie er es momentan tut.
Können Sie sich vorstellen, wie man sich als für ein soziales Projekt kämpfender Bürger fühlt, wenn man Ihren heutigen Artikel und Kommentar liest? Können Sie sich vorstellen, dass man unter solchen Umständen total enttäuscht fühlt und man am liebsten jede ehrenamtliche Tätigkeit hinschmeißen möchte, weil man sich fragt "Warum tust du dir das eigentlich an?" Warum haben Sie nicht einmal trotz mehrfachem Angebot den Telefonhörer in die Hand genommen und auch das Gespräch mit uns gesucht?
 
Liebe Frau Stein, ich bitte Sie eindringlich, sich diese Zeilen zu Herzen zu nehmen und in Ihrer morgigen Ausgabe die Gelegenheit zu nutzen, dem Schullandheim die Chance einzuräumen, die es verdient. Es geht uns nicht darum, den Kreishaushalt weiter und weiter zu belasten, sondern darum, die Einrichtung zum Wohl aller Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises kostenneutral zu erhalten. Es wird die Zeit kommen, wo wir solche Einrichtungen dringender als je zuvor brauchen, weil sie helfen, wichtige Aufgaben der Gesellschaft zu erfüllen.

 
Mit freundlichen Grüßen,
Matthias Harre